Besuch in der Thomaskirsche am 29. Juni 2026

Die Thomaskirche – ein Schiff, das sich Gemeinde nennt
Mit einer Orgel, die verzückt
Dieter Kraft zählt zu den Getreuen im Grünwinkler Geschichtskreis. Wenn immer es ihm möglich ist, kommt er zu unseren Treffen. Am 29. Juni 2026 war es ihm eine Ehre, uns seine Thomaskirche zu zeigen. Dieter Kraft spielt im Posaunenchor der Hoffnungsgemeinde, er war Mitglied des Ältestenkreises und als diplomierter Bauingenieur verantwortlich für die bauliche Renovierung. So hätte uns niemand profunder in die Geschichte des Gotteshauses an der Alb einführen können als er.
Die Ursprünge der Kirche der evangelischen Christen von Grünwinkel und Daxlanden liegen in den 1930er Jahren. Der Karlsruher Architekt Otto Bartning hatte sie entworfen. Bis zur Kellerdecke wurde der Bau ausgeführt, bevor der Angriff NAZI-Deutschlands auf Polen 1939 den weiteren Bau stoppte. Dieter Kraft beleuchtete auch den Werdegang von Otto Bartning, der zum bedeutendsten evangelischen Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Weiterbau mit modifizierten Plänen fortgesetzt und 1960 fertiggestellt. Otto Bartning hat die Einweihung nicht mehr erlebt, er ist ein Jahr zuvor verstorben.
Es gibt einige Besonderheiten in der Architektur der Thomaskirche, auf die uns Dieter Kraft aufmerksam machte. So ist der Blick der Gläubigen ganz auf den Altar ausgerichtet. Die Wände sind fensterlos, dennoch ist der Kirchenraum lichtdurchflutet. Ein großes Giebelfenster hinter der Orgel über dem zentralen Eingang sowie Lichtkuppeln an den Seitenwänden und ein umlaufendes Fensterband unter der Decke sorgen dafür. Diese Fenster heben sich nach vorn an und verleihen dem Gebäude zusammen mit den nach vorne sich verengenden Betonständern die Form eines Schiffes. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Erstmals wurden moderne Materialien im Kirchenbau verwendet, wie Beton, Stahl und zu Steinen gepresster Kriegsschutt. Und eine weitere Besonderheit war die Beauftragung heimischer Handwerker. Das war wichtig in der Nachkriegszeit der 1950er Jahre. So kam auch der junge Absolvent der Karlsruher Kunstakademie Klaus Arnold zu einem Auftrag. Der spätere Rektor unserer Kunsthochschule schuf das beeindruckende bunte Fenster an der Giebelseite hinter dem Altar.
Auch die Orgel stammte von einem Karlsruher Unternehmen, genauer von der Grötzinger Orgelfabrik Wagner. Und ein Gemeindemitglied war für den Bau der Orgel verantwortlich, Peter Vier. In der Fachwelt genießt diese Orgel höchstes Ansehen. Davon konnten wir uns überzeugen, weil der Organist der Hoffnungsgemeinde, Prof. Berthold Fritz, Dieter Kraft spontan seine Zusage gab und die Führung nicht nur musikalisch begleitete, sondern die Orgel in aller Ausführlichkeit erklärte. Zum absoluten Höhepunkt spielte er uns dann auch noch Johann Sebastian Bachs berühmte Taccata in d-Moll, ein absoluter Ohrenschmaus. Wir waren begeistert.
Gerhard Strack